#blacklivesmatter

In den letzten Tagen war es sehr still hier. Aber in mir drin war es ziemlich laut. Das Thema der letzten Tage beschäftigt auch mich. Einerseits macht es mich sprachlos. Andererseits dürfen wir nicht weiter schweigen. Wir oft habe ich mich zurück gehalten, nichts gesagt, bin stumm geblieben, wenn mir rassistische Äußerungen entgegengeschleudert wurden. Damit muss Schluss sein. Wir alle sollten dem entschieden entgegentreten. Denn Rassismus ist keine Meinung, die man haben kann. Es ist nichts, das man anderen zugestehen sollte, wie eine politische Einstellung oder eine Religion. Es ist ist etwas, das es nicht geben darf. Wir hier in unserem Wohlstand, unseren geordneten Verhältnissen denken, so etwas würde es nicht geben im kleinen, ruhigen Deutschland. Aber es gibt ihn.

Ich selbst bin nie Opfer von Rassismus gewesen. Wie auch? Verkörpere ich doch das durchschnittliche Menschenbild. Weiß, blond, normalgewichtig, gesund. Ich kann auch bestimmt nicht im mindesten nachfühlen, wie es Menschen gehen muss, die ihr Leben lang aufgrund ihrer Hautfarbe gemobbt, gehänselt, niedergemacht, terrorisiert und beleidigt werden. Dennoch fühle ich mich jedes Mal, wenn rassistische Äußerungen gemacht werden, persönlich angegriffen und möchte am liebsten sofort in den Verteiduigunggsmodus übergehen. Wahrscheinlich ist das so, weil ich einen Hauch von einer Ahnung habe, wie es ist, der Außenseiter zu sein. Gemobbt zu werden. Die andere zu sein. Anders zu sein. Dennoch war mir lange nicht bewusst, wie stark rassistische Meinungen, Taten und Verhalten immer noch präsent sind. Im Jahr 2020. Wir sind so fortschrittlich, fliegen im Weltraum umher, können schlimme Krankheiten bekämpfen, erschaffen künstliche Intelligenz. Und dennoch machen wir immer noch einen Unterschied. Gemessen an der Menge an Melatonin in unserer oberen Hautschicht. Das ist das Einzige, was uns voneinander unterscheidet. Die Menge an Melanozyten in unserer Haut. Innen drin sind wir alle gleich. Wir fühlen die gleichen Gefühle, haben die gleichen Sorgen, denken die gleichen Gedanken. Wollen unsere Kinder versorgen, für unsere Freunde da sein, uns sicher fühlen, glücklich sein. 

Ich habe in den letzten Tagen viel darüber nachgedacht, welche rassistischen Äußerungen mir im Laufe meines Lebens begegnet sind. Und ob ich mich vielleicht sogar selbst falsch verhalten habe. Wahrscheinlich kann ich mich davon nicht frei sprechen. Ich war beispielsweise lange Zeit unsicher, welche die korrekte Bezeichnung ist für Schwarze Menschen. Dass das N Wort gar nicht geht, war mir lange klar. Ich denke, ich bin schon als Kind innerlich zusammengezuckt, wenn irgendwer von der Schwarzen Puppe als das süße  N Baby sprach. Aber ich wusste lange nicht, dass die richtige Bezeichnung „Schwarz“ ist. Eigentlich ist die einzig richtige Bezeichnung „Puppe“, wird mir heute klar. Doch wir Menschen brauchen stets Kategorien. Schubladen, in die wir einsortieren können. 

Mir war nicht bewusst, dass auch hierzulande Schwarze Menschen Angst vor der Polizei haben. Jetzt, ein paar Jahre später, seit das Thema so präsent ist, erinnere ich mich an einen Abend, als ich mit einem Schwarzen Bekannten von mir, nach einer Party, noch ein paar Schritte gemeinsam gegangen bin. Ich in Richtung Fahrrad, er in Richtung seiner Wohnung. Die Polizei kam uns entgegen und er geriet fast in Panik. Quasi aus dem Nichts. Erklärte mir, dass wir uns jetzt lieber verabschieden sollten, statt noch gemeinsam ein Stück des Weges gemeinsam zu gehen. Ich verstand gar nichts. Später erzählte er mir von seinen negativen Erfahrungen mit der Staatsgewalt. Ich konnte es nicht glauben. 

Ich erinnere mich, dass ich mal nach einem Zumbakurs gefragt wurde, ob ich „dunkle“ Verwandte hätte. Meine Art, zu tanzen und die Struktur meiner Haare sprächen schließlich dafür. Ich fand das damals nicht schlimm. Aber nun weiß ich, dass es rassistisch ist, derlei Äußerungen zu machen. Ich erinnere mich an unzählige Situationen, in denen Bekannte, Verwandte, Freunde das N Wort benutzten. Ich erinnere mich an viele rassistische Äußerungen, Bemerkungen, Meinungen von Menschen, die ich mag und die mir nahe stehen. Dennoch schloss ich mich aus. „Ich bin nicht rassistisch.“ dachte ich mir und tat dennoch nichts dagegen. Mir war, bis ich mich irgendwann letztes Jahr intensiver mit der Thematik befasst hatte, nicht bewusst, dass man sich vom Rassismus nicht frei sprechen kann, nur weil man von sich glaubt, es nicht zu sein, so nicht zu denken.

Es braucht viel mehr. Zuhören, statt reden. Schwarze Menschen zu Wort kommen lassen. Sofort entschieden verbal dagegen vorgehen, sobald jemand im Gespräch eine rassistische Äußerung macht. Andere darauf aufmerksam machen, wenn sie sich rassistisch Verhalten. Literatur zur Thematik lesen, Podcasts und Hörbücher hören, Filme und Dokumentationen schauen, um sich weiterzubilden. Schwarze Menschen im Betrieb einstellen. Unternehmen, die von Schwarzen geführt werden, unterstützen. Spenden. Musik von Schwarzen hören, Bücher von schwarzen Autoren lesen, Filme mit Schwarzen in der Hauptrolle schauen.

Statt über Unterschiede nachzudenken, lasst uns Gemeinsamkeiten finden. Statt Angst zu haben vor dem anderen, lasst uns offen sein. Statt Gleichheit im Äußeren zu suchen, lasst uns für Gleichgerechtigkeit kämpfen. Was wäre das Leben ohne Diversität? Die Vielfalt ist doch gerade das, was das Leben bunt, schön und interessant macht. Lasst uns Unterschiede feiern, offen und interessiert sein! Wir dürfen Neues lernen, uns weiterbilden, sollten Schwarze zu Wort kommen lassen und ihnen zuhören. Statt wegzugucken, statt zu denken, dass es Rassismus nur woanders gibt. Lasst uns daran arbeiten, die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Ein Ort, an dem alle den gleichen Wert haben. Ein Ort, an dem niemand ausgegrenzt wird. Ein Ort, wo sich jeder sicher und willkommen fühlen darf. Denn es gibt nicht so etwas wie Schwarz, weiß oder farbig. Es gibt nur eine Kategorie. Mensch.